Morde sprengen jede Vorstellungskraft

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Der Ex-Krankenpfleger Niels H. hat offensichtlich weitere 84 Menschen getötet

Von Martin Siemer

Oldenburg. Das, was die Ermittler der Sonderkommission Kardio im Fall des ehemaligen Krankenpflegers Niels H. in den vergangenen drei Jahren feststellten, hat selbst erfahrene Kriminalisten betroffen gemacht. „Die Erkenntnisse über das grauenhafte Wirken von Niels H. in Oldenburg und Delmenhorst erschrecken noch immer und sprengen jede Vorstellungskraft“, sagte der Oldenburger Polizeipräsident Johann Kühme am Montagmorgen während einer gemeinsamen Pressekonferenz von Staatsanwaltschaft und Polizei.

Daniela Schiereck-Bohlemann, Oberstaatsanwalt Thomas Sander, Arne Schmidt und Johann Kühme (von links)  informierten über die Ermittlungen in der Tötungsserie Niels H. Foto: Martin Siemer
Daniela Schiereck-Bohlemann, Oberstaatsanwalt Thomas Sander, Arne Schmidt und Johann Kühme (von links) informierten über die Ermittlungen in der Tötungsserie Niels H. Foto: Martin Siemer

Die Soko Kardio hat in den vergangenen Monaten insgesamt 134 Exhumierungen auf 67 Friedhöfen im norddeutschen Raum, in Bremen und Nordrhein-Westfalen durchführen lassen. Dadurch konnten Niels H. allein am Klinikum Oldenburg 36 Tötungsdelikte nachgewiesen werden. An den städtischen Kliniken Delmenhorst soll H. insgesamt 48 Menschen getötet haben. H war bereits in zwei Verfahren wegen der Tötung von sechs Patienten zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt worden.
Für 41 Sterbefälle liegen die toxikologischen Gutachten noch nicht vor, so dass es nicht ausgeschlossen ist, dass Niels H. weitere Menschen getötet hat.
Deutlich wurde bei den Ermittlungen, dass das Treiben von Niels H. hätte frühzeitig beendet werden können, wenn die Verantwortlichen in den Kliniken entsprechend gehandelt hätten. „Die Morde hätten verhindert werden können“, betonte Johann Kühme.
Der letzte Mord geschah am 24. Juni 2005 in den Städtischen Kliniken Delmenhorst, berichtete Arne Schmidt, Leiter der Soko Kardio. Zwei Tage zuvor, am 22. Juni 2005, sei Niels H. von Kollegen auf frischer Tat ertappt worden. Er hatte unberechtigt das Medikament Gilurytmal mit dem Wirkstoff Ajmalin gespritzt, einen Medikamentenpumpe auf Null gestellt und zudem den Alarmmonitor ausgeschaltet. Dieser Vorgang wird der Klinikleitung gemeldet, doch Niels H. darf weiter arbeiten. Am 24 .Juni 2005 treffen sich Verantwortliche der Klinik, um über das weitere Vorgehen zu beraten. Es passiert jedoch nichts, weil Niels H. am Ende seiner Dienstschicht in den Urlaub geht. Um 19 Uhr des gleichen Tages tötet er seine letzte Patientin.
Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft Anklage gegen sechs Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der einstigen Städtischen Kliniken Delmenhorst erhoben, die dort im Jahr 2005 tätig waren. In drei Fällen hatte das zuständige Gericht die Anklagen nicht zugelassen. Zwei ehemalige Oberärzte sowie der Leiter der Intensivstation müssen sich nun wegen Totschlags durch Unterlassen verantworten.
Ermittlungen gegen das Personal des Klinikums Oldenburg laufen derzeit noch.
Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck-Bohlemann rechnet damit, dass die erneute Anklage gegen Niels H. wegen der jetzt nachgewiesenen Tötungen voraussichtlich Ende 2017, Anfang 2018 erhoben wird.
Die Soko Kardio wird zum Ende des Monats August aufgelöst. Die noch nicht abgeschlossenen Ermittlungen werden durch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der SOKO innerhalb der Polizeiinspektion Oldenburg-Stadt/Ammerland geführt.

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